Der 13. Februar 2010 in Dresden – Wie es wirklich war.

Montag, 22. Februar 2010

Ein Erfahrungsbericht zweier Grüner Gegendemonstranten aus unserem Kreisverband

Spätestens Montag beim allwöchentlichen Zeitung lesen werden die meisten erfahren haben, dass es dieses Jahr erstmals gelungen ist den für Samstag den 13. Februar 2010 geplanten Neonazi-Aufmarsch in Dresden zu verhindern. Glaubt man einigen Zeitungen, so sei die von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz geplante Menschenkette eine wirkungslose Inszenierung gewesen. Spektakulär wird von zehntausend Gegendemonstranten in der Neustadt berichtet.

Doch was passierte wirklich an diesem Samstag, den 13. Februar, an dem die Neonazis rund um die „Junge Ostdeutsche Landsmannschaft“ wieder einmal versuchte Geschichte zu verdrehen. Wir werden versuchen einen kleinen Eindruck unseres Tages in Dresden zu geben.

Um pöbelnden und gewaltbereiten Nazis zu entgehen entschlossen wir uns kurzerhand Dresden lieber mit dem Auto anzusteuern. Kaum hatten wir Dresden von der A13 aus um ca. 11.30 Uhr erreicht, erwarteten uns auch schon die ersten Polizeikontrollen. Man winkte uns nach einen grimmigen Blick ins Wageninnere recht zügig durch. Unser Ziel sollte eigentlich der Hauptbahnhof werden, da sich dort der Grüne Treffpunkt befand. Doch kaum waren wir durch die erste Kontrolle durch, wurden wir auch schon umgeleitet. Keine Chance also für unseren geplanten Haltepunkt. Das Auto stellten wir in irgendeiner Seitenstraße nahe der Hansastraße, die Richtung Bahnhof Neustadt führt, ab. Wir liefen dann recht zügig auf jene Straße in Richtung des Neustädter Bahnhofes, um vielleicht doch noch irgendwie Richtung Hauptbahnhof zu kommen. Auf der Hansastraße befand sich der erste große Menschenpulk - wir waren mitten in einer Naziblockade angekommen.

Die Stimmung war super, es lief Musik und die Leute tanzten. Jung und Alt aus den verschiedensten Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Gruppierungen waren gekommen, um aktiv Flagge zu zeigen und vor allem friedlich den Naziaufmarsch durch Dresden-Neustadt zu verhindern. Etliche Plakate und Fähnchen von Antifa und Co waren zu sehen. Ganz vorne in Sichtweite des Neustädter Bahnhofes stand die Polizei in Vollmontur in Zweier Reihen. Kein Durchkommen - weder vom Neustädter Bahnhof kommend, noch in Richtung Bahnhof. Was für uns im ersten Moment negativ erschien, da wir unser Ziel Hauptbahnhof in der Altstadt nicht aus den Augen verloren wollten, war auf den zweiten Blick natürlich völlig positiv: Keiner kam durch diese Blockade durch – hier würden die Nazis nicht aufmarschieren können.

Ohne konkrete Ahnung ob wir überhaupt noch Richtung Hauptbahnhof kamen suchten wir uns eine Route, die nicht von der Polizei abgesperrt war. Schließlich fanden wir unser Glück in einer kleinen Nebengasse, die uns dann, mehr oder weniger schnell, auf die andere Seite des Neustädter Bahnhofs führte. Auch hier rund um die Königsbrücker Straße, also mitten in der Neustadt, waren tausende Menschen auf der Straße, um den Naziaufmarsch zu verhindern. Die „Bunte Republik“ Neustadt machte ihren Namen alle Ehre. So unterschiedlich die Leute hier auch waren, sie waren alle gekommen um ein Ziel zu erreichen – das hat man zu jedem Moment gespürt.

Inzwischen hatten wir auch erfahren, dass alle Straßen, welche zum Neustädter Bahnhof führen, gesperrt sind. Auch die Straßenbahnen und Züge seien komplett außer Betrieb. Über mehrere Nebenstraßen und etlichen gescheiterten Versuchen die Polizei zu überreden uns durchzulassen, schlugen wir uns bis zur Marienbrücke durch. Auf der anderen Elbseite erwartete uns erneut eine riesige Polizeisperre, die uns zwar durchließ aber keinen anderen mehr von der Altstadt in die Neustadt ließ. Vor der Polizeiblockade versammelten sich mehrere hundert Menschen. Manche trommelten fröhliche Lieder, andere riefen Parolen. Da wir immer noch zum Hauptbahnhof wollten, hatten wir auch keine Zeit zu verlieren.

Etwas gehetzt und nach 1,5 Stunden Fußmarsch kamen wir am Grünen Treffpunkt nahe des Hauptbahnhofs an, wo uns auch gleich unser Grüner Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn begrüßte. Bei einem heißen Tee brachten wir uns auf dem neusten Stand durch ein Informationsblatt auf dem eine Stadtkarte sowie die „Hot-Spots“ des heutigen Tages vermerkt waren. Außerdem gab es eine Infohotline, Handy-WAP-Liveticker sowie aktuellen „Tweeds“ auf twitter.com, die einem nahezu minütlich mit neuen Informationen versorgte. In der Altstadt würde die Menschenkette um 14.15 Uhr stattfinden während in der Neustadt ganztägig die Blockaden aufrecht gehalten werden.

Wir entschlossen uns an der Menschenkette teilzunehmen, um den Opfern des Bombenangriffes auf Dresden zu gedenken. Im voraus wurden etwa 10.000 Menschen erwartet, die eine geschlossene Kette von der Frauenkirche, über Altmarkt und Rathaus bis hin zur Synagoge bilden sollten. Da aber keiner vorher genau wusste wieviel Menschen sich beteiligen werden, wusste niemand genau wie lang die Kette am Ende sein wird.

Am Rathaus angekommen fiel uns sofort auf, dass auch hier in der Altstadt jede Menge Menschen unterwegs waren. Doch die Stimmung war anders als in der Neustadt – nicht so laut und kämpferisch sondern eher nachdenklich. Ebenso wie in der Neustadt säten viele Plakate und Fahnen das Umfeld der Menschenkette. Ein kurzer Trubel kam auf als Stanislaw Tillich entlang der Menschenkette schlenderte. Ihn begleiteten jede Menge Fotografen und Kameraleute. Wir liefen Richtung der Synagoge, um sich am Ende der Kette einzureihen. Doch die Kette nahm einfach kein Ende. Entlang der Kette lief ein Mann, der den Menschen mit dem Megaphon mitteilte, dass die Kette entlang Brühlsche Terrasse verlängert wird. Jubel bricht aus. Es waren vielmehr Leute gekommen als man erwartete. Dabei reichte das Spektrum von Mutter mit Kind bis Rentner im Rollstuhl. Wirklich alle waren gekommen. Es war schön zu sehen wieviele Menschen sich bei eisigen Temperaturen friedlich versammelten. Dieser Rahmen wurde genutzt für massig Protestplakate. Besonders eins blieb mir im Gedächtnis:

Wenn Sonnenstrahlen Menschen töten könnten, hätten wir schon vor hunderten Jahren Sonnenenergie gehabt.“

Wie gesagt, es ist nur ein einziges von unzähligen Plakaten, die wir an diesem Tag zu sehen bekamen. Aber er bringt sicherlich viele Probleme auf dem Punkt in einem Satz unter, deswegen erwähne ich es hier.

Von der Synagoge liefen wir zurück bis zum Altmarkt, wo wir uns schließlich in die Menschenkette einreihten. Um 14.15 Uhr wurde es ganz still: Hand in Hand standen ca. 15.000 Menschen geschlossen um die komplette Altstadt. Die Glocken der Frauenkirche begannen für etwa 2 Minuten zu leuten. Ein Moment, der Gänsehaut bereitet. Nachdem der Hall der Glocken erlosch, begannen die Menschen spontan zu applaudieren. Jeder war stolz darauf, was hier auf die Beine gestellt wurde. Für uns war jetzt erstmal Zeit zum Mittag essen, auch wenn es schon knapp halb drei war.

Nach einer kurzen Beratung brachen wir erneut in Richtung Neustadt auf. Auf dem Weg zurück zur Marienbrücke wurden wir dann erinnert weshalb wir hier waren. Als wir am Bahnhof Dresden-Mitte vorbeikamen, bemerkten wir, dass auf dem Bahnhof in etwa 1.000 frustrierte Nazis standen. Sie saßen am Bahnhof Mitte fest, da Gegendemonstranten alle Gleise Richtung Neustädter Bahnhof blockierten. Deshalb hieß es für die Nazis: unplanmäßiger Halt Dresden-Mitte. Natürlich waren die Nazis dementsprechend sauer und ließen ihren Frust mit geistreichen Parolen wie „Adolf Hitler wählt die NPD!“ freien Lauf. Uns wurde erneut auf etwas obszöne Art bewusst, dass es die richtige Entscheidung war nach Dresden zu kommen, um den Naziaufmarsch zu verhindern.

Nach dieser Erfahrung kamen wir dann wieder an der Marienbrücke an, wo die Polizeisperre immer noch den Weg zum anderen Elbufer versperrte. Auch auf eine freundliche Nachfrage war kein durchkommen. Zum ersten Mal erlebten wir auch den Unmut der Demonstranten gegen die Sperrung der Brücke: Als die Polizei mit mehreren Autos von der Neustadt kommend die Polizeisperre passieren wollte, versperrten die etwa 150 Demonstranten der Polizei den Weg. Die Polizei fuhr Wasserwerfer auf und ermahnte die Demonstranten den Weg zu räumen. Ansonsten würden sie auch die Wasserwerfer einsetzen. Kaum einer folgte der Anweisung aber bald darauf wurden die Demonstranten von Polizisten von der Straße geschoben. Dennoch riss die Stimmung nicht ab – die Trommeln erklangen erneut und ca. 50 Demonstranten begannen zu tanzen.

Nachdem klar war, dass hier kein durchkommen war, machten wir uns auf den Weg zur Augustusbrücke. Vielleicht hatten die Polizisten dort ein Einsehen. Als wir uns aufmachten, entschlossen sich scheinbar spontan auch die 150 Demonstranten weiter zu ziehen. Daraufhin wurden wir von mindestens 10 Polizeibussen und etwa 50 Polizisten durch die Altstadt „getrieben“. Dieses Szenario erinnerte mich an eine Treibjagd: Alle Nebenstraßen wurden abgeriegelt, die Busse hielten uns geschlossen und immer wieder wurde die Menschenmasse in eine vorgegebene Richtung getrieben. Keine Ahnung was die Demonstranten plötzlich bewegte aufzubrechen und erst recht keine Ahnung warum die Polizei deshalb so eine Treibjagd durch die Altstadt mit uns betreiben musste. Dennoch konnten wir uns irgendwann auf Höhe der Wilsdruffer Straße von der Gruppe trennen und wieder unseren eigenen geplanten Weg zur Augustusbrücke einschlagen.

Unsere Hoffnung auf freundliche Polizisten dort wurde zunächst auch enttäuscht. Bis 20 Uhr, so hieß es seitens der Polizei, seien alle Brücken auf das andere Elbufer gesperrt - jetzt war es 15 Uhr. Nach kurzer Resignation fanden wir trotzdem noch den erhofften freundlichen Polizisten ganz links außen in der Sperre. Wir erklärten ihn unsere Situation und nach kurzem zögern ließ er uns passieren. Ein Polizist, der uns vorher den Durchgang auf der rechte Seite der Sperre verweigerte, meinte scherzhaft: „Wenn ihr Rechts ein Problem habt, dann geht ihr wohl einfach nach Links.“ Ich weiß nicht ob der Polizist das wirklich so doppeldeutig gemeint hat, wie wir beide es sofort interpretierten. In jedem Falle blieben diese Worte noch lange in unseren Köpfen.

Gegen 16 Uhr waren wir dann wieder in der Neustadt. Auf dem Albertplatz herrschte Partystimmung. Meiner Schätzung nach 2.000 Leute versammelten sich dort und tanzten zu Musik, die von einer Bühne kam. Die Straße in Richtung Bahnhof-Neustadt war immer noch von der Polizei abgeriegelt. Wir ließen uns auf die Stimmung ein und verweilten eine Weile, um dann weiter zur Königsbrücker Straße zu ziehen. Dort wurde unnötiger Weise von manchen Vermummten randaliert: Papierkörbe aus Stein lagen auf der Straße und einige Mülltonnen brannten, so dass sogar die Feuerwehr anrücken musste. Manche wärmten sich an den brennenden Mülltonnen auf, schließlich waren -5°C. Alle Straßen, die zur Königsbrücke Straße führten waren von der Polizei blockiert. Ging man die Königsbrücker Straße stadtauswärts entlang, so kam man höchstens bis Höhe Schauburg, wo die Polizei eine mächtige Blockade errichtet hatte: Über die gesamte Straßenbreite stand eine Viererreihe Polizisten in Vollmontur, dahinter waren Polizeibusse extrem dicht nebeneinander quer über die Straße geparkt. Hinter der Busreihe standen 2 Wasserwerfer-LKW's.

Gegen 17 Uhr sorgte erneut ein Mann mit Megaphon für Jubel in der Menschenmenge: „Wir können euch jetzt offiziell mitteilen, dass wir es geschafft haben – die Nazis werden nicht aufmarschieren können!“ Selbstverständlich waren alle glücklich diese Nachricht zu hören. Vom Albertplatz bildete sich eine spontan Demonstrationszug in Richtung der großen Polizeisperre. Vorne wurde ein Transparant, auf dem „Kein Naziaufmarsch in Dresden“ stand, hochgehalten. Wir schlossen uns spontan dieser Demonstration an. Es war schön zu bemerken, dass man etwas erreicht hat. Doch die Freude war nicht von langer Dauer. Etwa hundert Meter vor der großen Polizeisperre mit Wasserwerfern, plärrte es aus den Lautsprechern der Polizei: „Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei. Wir bitten sie sofort umzukehren, ansonsten müssen wir Gewalt und Wasserwerfer einsetzen.“ Gelächter brach aus und die Menschenmenge blieb stehen. Wieder ergriff der Mann mit dem Megaphon das Wort: „Wir haben das erreicht, was wir wollten – nämlich, dass die Nazis nicht marschieren dürfen. Ich denke keiner von uns will jetzt noch sinnlos Ärger mit der Polizei haben.“ Daraufhin löste sich die Menschenmenge so langsam aber sicher auf.

Auch die Sperrung der Nebenstraßen wurde aufgehoben und so konnten wir, glücklich und zufrieden, zurück in Richtung Auto laufen. Der Tag war anstrengend aber erfolgreich. Tausende Menschen haben heute den Naziaufmarsch mit Blockaden in der Neustadt verhindert, zugleich haben 15.000 Menschen in der Altstadt den Opfern des Bombenangriffes gedacht. Die Beteiligung war höher als erwartet. Erstmals ist es gelungen den Aufmarsch am 13. Februar zu verhindern und wir waren dabei. Das sollte allen die zu Hause saßen und sich nicht trauten zu kommen, ein Zeichen sein, das nächste Mal auch aktiv Flagge gegen Rechts zu zeigen - gemeinsam können wir viel erreichen.

verfasst von Nico U.